Undercover – diese Journalistin war in geheimen Nazi-Gruppen

Shownotes

Wie reden Rechtsextreme, wenn sie unter sich sind? Um das herauszufinden, hat die Reporterin Angelique Geray sich undercover in rechtsextreme Jugendgruppen eingeschlichen. Getarnt als Pflegekraft Isabell war sie bei Treffen, Konzerten und Seminaren dabei. Immer mit dem Risiko, entdeckt zu werden.

Ihre Recherche trug dazu bei, dass jetzt eine mutmaßliche Terrorgruppe vor dem Oberlandesgericht Hamburg steht. Die Mitglieder der so genannten „Letzten Verteidigungswelle“ sind zwischen 15 und 21 Jahre alt und sollen unter anderem einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft geplant haben.

Einer der Hauptverdächtigen hat Rache geschworen gegen Angelique, die „Verräterin“. Trotzdem hat sie ihre Recherche mit echtem Namen und Foto veröffentlicht. Sie will sich nicht einschüchtern lassen – auch, weil sie weiß, dass ein großes Medienhaus hinter ihr steht.

In dieser Folge von „Nice & Nötig“ erzählt Angelique, wie sie das Vertrauen der Gruppen gewann, ohne zur Mittäterin zu werden, und warum solche investigativen Recherchen gerade jetzt wichtig sind.

Nice und nötig ist das, weil viele Medienberichte über Rechtsextremismus eher allgemein vor den Gefahren warnen. In ihrer Recherche wird klar, was diese menschenfeindliche Ideologie konkret bedeutet – und was wir dagegen tun können.

Gast & Host

Angelique Geray ist Investigativjournalistin bei RTL. Die 33-Jährige war als Reporterin schon im Irak, in Iran, in der Ukraine und in Kongo unterwegs. Volontiert hat sie bei der Axel-Springer-Akademie, später war sie Chefreporterin bei „Bild TV“. Im April ist ihr erstes Buch erschienen: „Undercover unter Nazis. Als Frau im Herz der rechtsextremen Szene“.

Annika Schneider ist Redakteurin bei Übermedien und überzeugte Optimistin. Das Radiomachen und Podcasten hat sie als Moderatorin, Autorin und Planerin beim Deutschlandfunk gelernt.

Feedback und Hinweise jederzeit gerne an annika@uebermedien.de oder über Instagram, BlueSky oder Mastodon.

Zum Weiterlesen

Über Übermedien

Übermedien ist das führende Online-Magazin für Medienkritik. Wir sind werbefrei und unabhängig. Wir decken Fehler in der Berichterstattung auf, wir erklären die Hintergründe – und wir zeigen, was daran wichtig ist. Wer also Lust auf guten Journalismus habt, aber Medien nicht einfach alles glauben möchte, abonniert am besten unseren kostenlosen Newsletter. Mehr dazu auf uebermedien.de.

Redaktion: Lisa Kräher, Musik: Alexander Graf

Transkript anzeigen

00:00:00: Hast du manchmal Ohrwürmer von Nazi-Liedern?

00:00:03: Ja, das kommt tatsächlich vor allem beim Duschen.

00:00:08: Wenn man so nach oben guckt und die Haare wäscht dann kommt schon das ein oder andere Lied.

00:00:14: Das stimmt vor allem eins von Lanza.

00:00:18: Das ist eine von den etablierten Rechtsrock-Bands, oder?

00:00:21: Ganz genau, ja.

00:00:23: Und da gibt es ein sehr bekanntes Lied das hören die immer weiß ich nicht beim Grillen oder bei Lagerfeuern wenn man zusammensitzt.

00:00:31: Ja, das hatte ich ganz auf dem Ohr.

00:00:36: Hi!

00:00:36: Ich bin Annika und ich lade mir in diesen Podcast Menschen ein, die etwas richtig Gutes auf die Beine stellen Für bessere Medien für besseren Journalismus am Ende für uns alle.

00:00:47: Ich habe letztes Jahr die erste Staffel von diesem Podcast aufgenommen und danach haben mir viele Menschen geschrieben, dass sie sich genau sowas wünschen.

00:00:53: Nicht immer über das Reden was alles schiefläuft sondern auch mal darauf schauen welche Ideen es schon gibt um Probleme zu lösen.

00:01:00: Und viele haben sich auch gewünscht, dass wir eine zweite Staffel machen.

00:01:04: Deswegen lege ich heute damit los, und das mit Angelique Gerey.

00:01:08: Das ist die mit den Nazi-Ohrwürmern.

00:01:10: Sie ist Reporterin bei RTL, dreidreißig Jahre alt.

00:01:14: Und sie war Undercover in der rechtsextremen Szene unterwegs – mit einer falschen Identität verkleidet als Krankenpflegerin Isabel.

00:01:23: Darüber hat sich gerade auch ein Buch geschrieben!

00:01:25: Sie hat sich vor allem in sehr junge Gruppen eingeschlichen und dabei sogar eine mutmaßliche Terrorgruppe aufgedeckt, mit Mitgliedern zwischen vierzehn- und einundzwanzig Jahren.

00:01:35: Die haben sich selber die letzte Verteidigungswelle genannt.

00:01:38: Ihr habt von denen vielleicht schon gehört, die Jugendlichen sollen einen Anschlag gegen ein Flüchtlingsheim geplant haben und gerade läuft in Hamburg ein Prozess denn ihnen wird die Bildung einer rechtsterroristischen Vereinigung vorgeworfen.

00:01:50: Und rausgekommen ist das alles auch durch Angelik's Recherche.

00:01:55: Angelik hat nach ihrer Recherches Todesdrohungen bekommen und ich will deshalb von ihr in dieser Folge wissen... War's das Risiko wert?

00:02:03: Es geht aber auch darum, warum das was sie herausgefunden hat mich zwar schockiert hat.

00:02:08: Aber vor allem hat es mir gezeigt dass wir nicht so ohnmächtig sind gegen Rechtsextremismus wie sich das manchmal anfühlt!

00:02:15: Ich bin Annika Schneider Redakteurin beim Online-Magazin Übermedien.

00:02:19: ich bin überzeugte Optimistin und deswegen ist das hier nice & nötig.

00:02:23: der Podcast für gute Ideen von übermedien.

00:02:28: Wir haben das erste Mal gesprochen, weil ich über deinen Podcast den du veröffentlicht hast.

00:02:33: Ein Übermedienartikel geschrieben habe.

00:02:34: ein Lobesartikel machen wir auch nicht so oft Weil Ich fand dass Du die Recherche Die in dem podcast erzählt wird dafür dass es ein sehr dramatisches Thema ist, der undramatisch erzählt hast.

00:02:45: Hey ich habe mich so krass gefreut über diesen Artikel.

00:02:48: das kann ich hier jetzt auch gerade mal am Anfang doppen.

00:02:49: Ich glaube das gab's noch nie, dass ihr so gute Worte über RTL verloren habt.

00:02:53: also da hat auch in der Redaktion das Einiges ausgelöst.

00:02:58: ja wurde sehr positiv wahrgenommen.

00:03:00: auf jeden Fall Ja,

00:03:03: wir versuchen ja vorurteilsfrei in alle Richtungen zu sein auch was die Medienhäuser angeht.

00:03:08: Genau.

00:03:08: aber heute will ich nicht mit dir darüber reden wie du recherchiert hast sondern was du recherchiert hast weil das natürlich eigentlich die spannende Geschichte ist.

00:03:17: Du bist undercover als Frau namens Isabel In die Nazi Szene eingetaucht erst online in Chatgruppen und dann auch verkleidet vor Ort.

00:03:27: bei Szenetreffen bei Rechtskrockkonzerten, auch bei Seminaren warst du zum Beispiel speziell für Frauen.

00:03:35: Und wenn ich mich mit Rechtsextremismus beschäftige was ich auch ziemlich viel tue dann mache ich das vom Schreibtisch aus.

00:03:40: Das heißt irgendwie ich denke über das Gedankengut nach wie soll Medien da verantwortungsvoll berichten?

00:03:45: aber Du hast ja rechtsextreme und Nazis tatsächlich getroffen!

00:03:50: Das ist glaube ich noch mal ein Level was viele Menschen jetzt zuhören so direkt gar nicht erreichen rausgreifen.

00:03:59: Das ist ein junger Mann, den hast du Justin genannt?

00:04:02: Der ist aus Sachsen.

00:04:04: Einen zwanzig Jahre stimmt oder?

00:04:06: Das stimmt ja Berufskraftfahrer.

00:04:08: Berufskraftfahrer genau!

00:04:11: Er hat im Laufe deiner Recherche zwei Kugelbomben gekauft um einen Anschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft zu verüben.

00:04:19: so hat er es dir zumindest erzählt.

00:04:20: das ist das genau wovon wir ausgehen.

00:04:23: Du warst dabei als er diese Kugeln gekauft hat in Tschechien Und du hast ihn später auch noch mal dann besucht in einer abgelegenen Gartenlaube, in der Nähe von Dresden.

00:04:34: und nimm uns doch vielleicht mal mit.

00:04:38: Justin ist mutmaßlich oder offensichtlich ein Nazi?

00:04:42: Ist er so wie ich mir vielleicht Nazi vorstellen würde?

00:04:46: Ja, ich bin eigentlich gar kein großer Fan davon zu sagen dass rechtsextreme so Karikaturen sind von Neonazis wie man sich die so vorstellt.

00:04:55: mit Bomberjahr gespringen stiefe Glatze.

00:04:58: Bei Justin war das was anderes also der entsprach schon diesen Bild.

00:05:02: Also ich kann mich noch genau an diese Situation erinnern.

00:05:05: Er holte mich ab am Bahnhof in Dresden.

00:05:07: wir waren verabredet.

00:05:09: er wollte mich aufsammeln dass wir eben nach Tschechien fahren und Ich habe den gleich von weitem gesehen.

00:05:14: Ich habe den direkt gesehen.

00:05:16: Er hatte eben eine schwarze Bomberjacke an, er hatte Springerstiefel an, hat eine Glatze und so ne randlose Brille die ich sehr... die mir jetzt nicht so gut gefallen hat, die ich eher geschmacklos fand.

00:05:26: aber das war auf jeden Fall sein Look.

00:05:28: also er sah auf jeden fall so aus wie man sich den Justin jetzt vielleicht vorstellt

00:05:35: hast dich ja in eine, wie ich sagen würde sehr gefährliche Situation auch begeben.

00:05:40: Weil du hast ihn dann in dieser Laube getroffen, in einer Kleingartensiedlung an einem Waldrand.

00:05:45: Da war wenig los da waren noch sein Stiefvater ein Schäferhund und Du hattest ne versteckte Kamera dabei Und du warst als Journalistin ja in einer ganz spannenden Rolle.

00:05:55: Dann also du hast Ja eine Beziehung zu Justin aufgebaut jetzt nicht im romantischen Sinn Sondern du hast versucht mit ihm zu connecten.

00:06:02: Du wolltest von ihm was erfahren Und gleichzeitig bist du ja als Journalistin erst mal auch nur Beobachterin.

00:06:10: Wie ging das zusammen in dem Moment?

00:06:12: Wie war es dann?

00:06:14: Ja, ich glaube man muss sagen so undercover-Recherche also verdeckte Recherche.

00:06:17: da verschiebt sich natürlich die Rolle der Reporterin auf jeden Fall.

00:06:21: Ich bin nicht mehr nur die klassische Beobacherin von außen sondern ich werde ja tatsächlich Teil dieser Welt und ich war ja auch Teil von Justins Welt.

00:06:30: Das ist halt irgendwie gleichzeitig das Wertvollste, also deswegen macht man natürlich solche Recherchen auch.

00:06:35: Aber es ist auch natürlich das Gefährliche daran und ich meine der Vorteil ist natürlich du kommst den Menschen extrem nahe.

00:06:44: Du kommst in ihre Lauben, du kommest da hin wo sie sonst eigentlich Reporter nicht hineinladen.

00:06:50: und durch die Isabel ja und durch meine Tarnung hat er mir eben Dinge erzählt, die er mir sonst nicht hätte erzählt.

00:07:00: Oder diese Recherche bringt einen natürlich auch in Situationen, die ja auch an Grenzen gehen sag ich jetzt mal.

00:07:06: Und die Situation in der Laube war auf jeden Fall so eine.

00:07:11: also da hatten wir auch echt lange überlegt was kann da passieren?

00:07:16: Ich erinnere mich noch genau dass ich dann in so ein Meeting saß und wir über Sicherheit gesprochen haben.

00:07:22: und Ja, ein Kollege meinte so ey ojelik ganz ehrlich Wenn das eine Falle ist und er lockt dich da rein, und da warten noch fünf andere.

00:07:31: Was sollen wir machen?

00:07:32: Also es kannst nichts mehr machen!

00:07:34: Dann bist du dem ausgeliefert Und ich habe mich trotzdem dafür entschieden das zu machen.

00:07:39: also Ich wollte das machen.

00:07:41: Es gab auch viele Kolleginnen und Kollegen die haben gesagt machts nicht.

00:07:43: Das ist irre.

00:07:45: Aber ich hab mich nicht leicht fertig dafür entschieden so Aus abenteuerlust weil ich's irgendwie gern machen wollte Sondern weil mir klar war das könnte eben der entscheidende Beweis sein zu sehen, wo diese Kugelbomben liegen.

00:07:57: Wie konkret die Planung ist nochmal zu erfahren und das macht eben einen wahnsinnigen Unterschied auch später für die Einordnung und auch für mögliche rechtliche Schritte.

00:08:08: Ich hänge gerade noch so gedanklich bei dem was in dir da abgegangen ist als du in dieser Laube warst weil klar irgendwie Anspannung und krasse Situationen und total relevant für deine Recherche rauszufinden, wo sind die Kuglbombe?

00:08:25: Und gleichzeitig ist es ja dann irgendwie auch eine krass banale Situation.

00:08:30: oder man steht da, ist das kalt.

00:08:32: Man trinkt Bier zusammen, quatscht irgendwie...

00:08:35: Ja, es ist wahnsinnig banal.

00:08:37: aber ich glaube dass es auch der Schlüssel den man versucht zu bekommen oder dieser Schlüssellochblick den ich brauchte weil solche diese Szene ist banal.

00:08:50: Also es ist nicht nur so, dass die alle immer nur super gewaltbereit sind und den nächsten Plan schmieden, wenn sie wieder Leute verprügeln, die sitzen auch zu Hause und wirken tatsächlich stellenweise wie ganz normale.

00:09:02: also in Anführungsstrichen normale Menschen mit ihren Sorgen, mit ihren Nöten, mit ihrem Träumen, mit Ihren Visionen was Sie vorhaben in Ihrem Leben.

00:09:11: Die sind mal besser, mal schlechter würde ich sagen.

00:09:14: aber natürlich die Banalität Das Bösen zu sehen, vielleicht auch war sehr wichtig für mich.

00:09:22: Um eben nicht nur von außen drauf zu gucken sondern eben von innen auch mal versuchen die Menschen zu verstehen das fand ich wichtig

00:09:31: Wobei man jetzt auch dazu sagen muss weil wir das noch nicht erwähnt haben Die Gruppen in denen du recherchiert hast da waren überwiegend sehr junge menschen unterwegs und auch minderjährige.

00:09:41: also Justin gehörte zur der gruppe letzte verteidigungswelle In die du reingekommen bist.

00:09:47: Da sind jetzt Menschen vor Gericht aktuell, acht Jugendliche von vierzehn bis ...

00:09:58: Ja natürlich die sind wahnsinnig jung.

00:10:00: Das ist das Erschreckende.

00:10:01: trotzdem habe ich gemerkt während meiner Recherche man muss sie schon auch ernst nehmen.

00:10:07: also wenn Jugendliche auch wenn Sie minderjährig sind vom Rassenkrieg träumen dann muss man da genau zuhören und dann können wir es nicht nur als jugendliche Spinnerei abtun.

00:10:18: Und natürlich war vor allem vor der Recherche schon klar, ich will irgendwo reingucken.

00:10:24: Wo auch Minderjährige sich rumtreiben und was glaube ich ganz oft unterschätzt wird ist so eine Undercover-Recherche ist nichts, was irgendwie ne einzelne Person entscheidet weil sie das interessant findet und dann rennig los mit versteckter Kamera und Filme die Leute.

00:10:37: Gerade in Medienhäusern braucht es dafür eben extrem klare Rahmenbedingungen und vor allem sehr klare Absicherungen.

00:10:45: also Wir haben erstmal so eine juristische Abwägung, weil natürlich gehst du dann in eine Szene rein.

00:10:51: Du weißt da sind Minderjährige dabei und du arbeitest mit einer falschen Identität.

00:10:56: Du begibst dich in geschlossene Räume, du dokumentierst Gespräche die sonst nicht öffentlich wären und es ist ein total sensibles Feld gerade wenn wir über Minderjährige sprechen.

00:11:05: deswegen wird auch im Vorfeld wahnsinnig genau geprüft.

00:11:09: Es gibt so verschiedene Hürden, an denen wir das festmachen.

00:11:12: Ist das öffentliche Interesse groß genug?

00:11:14: Die diesen Eingriff rechtfertigen, dass ich mich da unter minderjährige mische... gibt es vielleicht noch, ich sag mal mildere Mittel wie ich an diese Information kommen könnte.

00:11:24: Aber meine Erfahrung sagt wenn ich eben mit offener Kamera hingehe und sage hallo!

00:11:29: Ich bin Oscheligera, ich hätte mal ein paar Fragen dann geht die Tür nicht auf, dann geht sie zu.

00:11:34: Und man muss auch überlegen wo sind denn die Grenzen die ich selber als Reporterin in der Situation nicht überschreiten darf?

00:11:42: Und dann die muss man sich halten.

00:11:44: Das heißt, du hattest auch solche Grenzen als du da in der Laube standest und es war sehr klar was du alles nicht tun würdest?

00:11:50: Auf jeden Fall.

00:11:50: Also angefangen bei der ganz banalen Situation ... Der hat mir ein Bier angeboten.

00:11:58: Wir waren ja zum Biertrinken vereinbart Und ich habe mir selbst Bier mitgebracht weil mir das einfach lieber war Weil ich nicht wusste gerade wenn ich nicht gesehen hab ob das Bier schon offen war Was da drin ist.

00:12:10: vielleicht Das war jetzt eher so für meine Sicherheit, habe ich mich einfach besser gefühlt.

00:12:15: Aber es gibt da natürlich noch andere Situationen.

00:12:18: beispielsweise was passiert wenn er zu mir sagt komm lass uns ein schönes Foto machen und wir machen den Hitlergruß hätte passieren können.

00:12:27: Hätte auch in anderen Situationen passieren können Strafbar

00:12:29: gewesen wäre

00:12:31: Richtig.

00:12:31: Würde ich natürlich nicht machen.

00:12:33: und das sind so Sachen, auf die muss man sich glaube ich aber auch mental darauf vorbereiten.

00:12:37: was mir immer hilft ist wenn ich nicht überrascht werde.

00:12:40: also Ich habe immer vorher schon gern Die schlimmst mögliche Situationen durchgespielt damit ich irgendwie versuchen kann halbwegs Halbweg souverän zu antworten oder zu reagieren, ohne dass mir das komplette Gesicht entgleist.

00:12:54: Es ist ja auch deshalb interessant weil wenn du zum Beispiel mit ihm über Anschlagspläne redest oder seinen konkreten Anschlugsplan Du ja einerseits Infos haben willst aber du willst hier nicht zur Akteurin werden?

00:13:07: Du willst auch nicht ihn zu irgendwas inspirieren?

00:13:10: Du willst ihn nicht bestärken?

00:13:11: Das ist ein ganz schmaler Grad auf dem du kommunizierst, oder?

00:13:16: Ja also ich Bekomme auch recht oft nach so einer Recherche.

00:13:22: Ich erinnere mich auch noch, Martin Selner hat das auch mal zu mir gesagt ... Von der

00:13:26: Kopf der identitären Bewegung?

00:13:27: Richtig!

00:13:28: Dass ich und meine Kollegin damals agent provokateur gewesen wäre also jemanden in solche Gruppen reingeht und dann provoziert bestimmte Aussagen, bestimmte Taten provozieren.

00:13:42: aber dass ist eben genau der schmale Grad den ich versuche zu gehen gehe ich auch ganz bewusst, dass ich eben ganz offene Fragen stelle.

00:13:52: Dass sich die Menschen wenn sie mir so was erzählen wie jetzt beispielsweise Justin mit seinem Plan das nicht unterstützend dann irgendwie sagt eine tolle Idee die du davor hast ja sondern eher Versuch offen zu fragen und ihn nicht bestärke, weil das darf ich natürlich nicht.

00:14:11: Man muss auch immer... Also in solchen Situationen habe ich immer so eine Draufsicht von mir, weil ich weiß dieses Material irgendwann könnte auch von Behörden irgendwann angeschaut werden wenn es eben strafrechtlich relevant ist passiert nicht so oft machen wir auch nicht so gern aber könnte sein deswegen muss sich so sprechen dass es nicht zum Nachteil für mich wird.

00:14:33: also das ist natürlich super riskant.

00:14:36: Als ich mir das angehört habe Justin in seiner Laube, die ist irgendwie nicht gescheit geheizt.

00:14:42: Das ist alles so ein bisschen gammelig Da hab' ich fast schon sowas wie Mitleidsgefühle irgendwie gekriegt.

00:14:52: Wir kommen gleich auch noch dazu, warum die womöglich nicht angebracht sind bei ihm rückblickend.

00:14:57: Aber in dem Moment erst mal war ich sehr nah dran.

00:14:59: Kannst du das nachvollziehen?

00:15:00: Oder hast du da so ein Panzer als Journalistin, dass du da menschlich nah gar nicht dran gehst?

00:15:07: Also Mitleid ist glaube ich das falsche Wort.

00:15:10: Ich habe manchmal versucht zu verstehen, warum er so denkt und so spricht wie er spricht.

00:15:17: Das hat es bei mir eher ausgelöst.

00:15:22: Mitleid nicht, weil diese Menschen auch wenn sie sehr jung sind wussten.

00:15:26: Also hatten so eine gewisse Reife, so einen gewissen Draufblick auf die Dinge, die sie planen und sagen.

00:15:35: ich glaube die wussten schon Bescheid was das für Konsequenzen haben kann aber ich konnte ein Stück weit verstehen wie man vielleicht in so einer Situation rutschen kann.

00:15:46: Also Justin ist ja auch nur ein Stellvertreter von ganz vielen Menschen, die ich eben auf dieser Reise in die rechtsextreme Welt getroffen habe.

00:15:54: Und ich hatte das Gefühl ihm wurde halt ganz lang nicht zugehört.

00:15:58: und dann kommt da natürlich eine klare Frau, die ist interessiert, die stellt Fragen, die fragt wie es geht?

00:16:05: Mensch wie geht's deinem Stiefvater?

00:16:07: Wie läufts bei der Arbeit?

00:16:09: was machst du am Wochenende?

00:16:11: Und das öffnet natürlich Türen, wenn jemand lange nicht gehört wurde.

00:16:16: Ich glaube so banal ist es am Ende.

00:16:19: Das ist ja dann die andere Gradwanderung, die du auch immer noch mitdenken musstest.

00:16:26: Es gibt eine andere Szene in deiner Recherche da stehst du neben einem jungen Mädchen vorm Spiegel und sie äußert ein bisschen Zweifel ob das eigentlich jetzt alles richtig ist dass ihr hier in so nem Rock von dem sie denkt, es sieht aus wie die Uniform der Hitlerjugend.

00:16:43: Ja, dunkelrote Rockweiße Bluse, Haare geflochten...

00:16:46: Genau und du machst das in deinem Buch auch ...

00:16:52: Du

00:16:53: möchtest ja vielleicht auch fast eine Hand ausschrecken und sagen hey komm du musst hier nicht sein!

00:16:57: Es gibt andere Wege glücklich zu werden im Leben Und gleichzeitig auch das ist ja nicht deine journalistische Rolle irgendwie zu retten ne?

00:17:05: Nein, also dafür bin ich nicht gekommen Menschen zu retten.

00:17:09: Ich bin gekommen um Einblicke zu gewinnen.

00:17:13: aber natürlich weiß ich gerade wenn wir über ganz junge Menschen reden dass das eben nicht immer die ganz gefestigten Überzeugungstäter sind.

00:17:21: Also das sind viele Leute die halt ja eben nach einer Gemeinschaft suchen und die finden sie vielleicht zeitweise dann in solchen Gruppen.

00:17:30: und wenn ich dann eben im Gespräch gemerkt habe Da gibt es so gewisse Risse oder Brüche, oder Dinge bei denen sie sich unsicher sind oder unwohl fühlen.

00:17:41: Dann habe ich natürlich versucht das in einer gewissen Art und Weise im Gespräch zu verstärken vielleicht durch Fragen, vielleicht durch Angebote die man vielleicht machen kann.

00:17:51: wie du schon sagtest Du musst hier nicht bleiben also keine Ahnung Es gibt auch noch irgendwie andere Sachen die man in seiner Freizeit machen kann wenn du das doh findest.

00:18:01: Aber natürlich ist das nicht meine Aufgabe, aber ich habe das in dem Moment schon ein bisschen als meine Verantwortung gesehen.

00:18:08: Weil ich natürlich nicht wollte dass Leute eben auch wegen mir vielleicht noch tiefer hineingeraten weil sie vielleicht sehen ach guck mal da macht die Isabelle ja auch mit dann kann es hier nicht so schlimm sein.

00:18:19: Das war mir halt ganz wichtig.

00:18:22: Weil du als ältere auch nochmal so'n bisschen mehr Credibility hattest?

00:18:25: Richtig!

00:18:28: Ja, und da habe ich eben auch versucht.

00:18:29: Das ist natürlich auch echt so ein Mind-Game einfach in einer versteckten oder verdeckten Recherche, dass man halt versucht irgendwie bestimmte Menschen zu nutzen um eben ein Stück weiterzukommen.

00:18:42: aber dann musst du die natürlich auch irgendwann hinter dir lassen weil du willst nicht das sie noch enger oder tiefer reingezogen werden.

00:18:48: also das ist echt so.

00:18:50: Da habe ich viele Stunden auch wachgelegen und überlegt wie ich das machen kann.

00:18:54: am Ende ist es auch ein bisschen Strategiespiel.

00:18:58: Bist du da jemand, der dann aus so Situationen rausläuft und noch dreimal nachhört?

00:19:03: Hätte ich das doch anders?

00:19:04: Oder kannst du einfach sagen zack okay ist jetzt gelaufen wie es gelaufen.

00:19:09: Beim nächsten Mal gucke ich mal wieder.

00:19:10: Die

00:19:10: Zeit hast Du gar nicht.

00:19:11: die Zeit hast du nicht dir solche Fragen zu stellen.

00:19:14: also Ich habe immer das Gefühl ich muss einfach versuchen zu überleben in diesem Situation, ohne dass Dinge mir komplett um die Ohren fliegen.

00:19:22: Also gerade wenn man mehrere Tage auf engstem Raum Zeit verbringt und das hatte ich ja gemacht als ich wurde ja ein paar Mal eingeladen auch mit also zu so Wochenenden auch Und dann musst du erst mal gucken was ist mit deiner Technik?

00:19:37: Was passiert wenn jemand jetzt diesen Rucksack durchsucht und findet irgendwie vierzehn Power Banks und zwölf SIM-Karten Das muss man auch erstmal erklären Und dann ist natürlich auch diese ständige Anspannung dabei, weil eigentlich rechnest du oder ich ja ständig damit aufzufliegen.

00:19:53: Ich glaube das kann man so oft machen wie man will aber man hat ständig diesen Gedanken im Kopf es könnte jetzt eigentlich auch gleich vorbei sein.

00:20:01: also irgendwann dreht sich jemand um und sagt Moment!

00:20:04: Du bist doch die von RTL, oder?

00:20:06: Irgendwie dein Gesicht kommt mir so bekannt vor.

00:20:09: Und es kann natürlich jederzeit passieren und deswegen ist man natürlich in ständiger Anspannung auch.

00:20:13: aber das ist auch gut weil dann bleibt man wach.

00:20:16: ich glaube am nächsten dran warst du in einem Keller als dich jemand gefragt hat hey Moment mal mit wem bist du eigentlich hier und was machst du hier?

00:20:27: das war

00:20:27: glaub ich der moment der krass war.

00:20:29: Ja, das war... Da denke ich heute noch manchmal drüber nach.

00:20:33: Aber ich kann dir eins sagen, ich glaube, ich habe eine kleine Superpower und die sieht so aus dass man mir nicht ansieht wenn ich aufgeregt bin.

00:20:42: Das ist wie in diesem Interview jetzt oder in diesem Gespräch jetzt.

00:20:45: Ich hab vor solchen Auftritten richtig viel Schiss Und ich bin angespannt und aufgereght aber mein Gegenüber sagt dann die ganze Zeit Hey, man sieht dir das gar nicht

00:20:54: an.

00:20:55: Aber das hilft total bei sowas weil einem dann nicht das komplette Gesicht entgleist und man in Schweißausbricht oder rote Flecken bekommt oder so ich bin.

00:21:03: mein Gesicht ist dann recht entspannt Und das hilft natürlich auch für solche Recherchen.

00:21:08: klar

00:21:09: Als ich drüber nachgedacht habe, wie du dich gefühlt hast, muss sich an das Werwolf-Spiel denken.

00:21:13: Ich weiß nicht, ob du das kennst?

00:21:16: Okay ... Da hat man quasi ... Man sitzt in so einem Kreis und einer ist halt der Werwolf und darf es nicht preisgeben.

00:21:23: Und man diskutiert und redet!

00:21:25: Und ich bin furchtbar schlecht in diesem Spiel.

00:21:27: Weil ich kann nicht gut lügen, aber ich kann auch.

00:21:29: Das hast du ja tagelang gemacht.

00:21:31: Ja, das

00:21:32: stimmt.

00:21:32: Du warst

00:21:33: die eine, die nicht aufliegen durfte.

00:21:35: Ist ein gutes Pokerface am Ende wahrscheinlich.

00:21:37: Vielleicht soll dich anfangen... zu pokern.

00:21:42: Ja, das macht mir jetzt den Übergang nicht ganz einfach weil ich nochmal eigentlich auf dieses Stichwort Überleben raus wollte.

00:21:55: du bist nicht aufgeflogen in dieser Zeit aber am Ende stand auf jeden Fall im Mai dann der Moment wo ihr die Recherche veröffentlicht habt Und du ja mit deinem echten Namen und deinem Gesicht in der Öffentlichkeit standest.

00:22:11: Zu dem Zeitpunkt saßen schon Teile der letzten Verteidigungswellen untersuchungsaft, auch Justin ist in Untersuchungssaft.

00:22:19: Der hat dann in seiner Gefängniszelle einen Zettel verfasst, der eine Todesdrohung an dich beinhaltet.

00:22:27: Das vielleicht noch mal um die Figur von Justin abzurunden und hier nicht irgendwie in die zu verständnisvolle Schiene zu rutschen?

00:22:36: Diese Gefahr, die von außen total krass wirkt.

00:22:42: Wie lebt sie damit weiter das zu wissen?

00:22:45: Dass da Menschen jetzt ihr Gesicht kennen und sie suchen ... wie real ist die für dich in deinem Alter?

00:22:49: Guckst du nur noch über die Schulter oder kannst du es ausblenden?

00:22:52: Also was ich mir über die Zeit schon angeeignet habe... Ich hab's versucht im Buch zu beschreiben als so eine Art gesunde Paranoia.

00:23:02: Also, natürlich bin ich sehr vorsichtig was zum Beispiel mein Standort angeht.

00:23:08: Ich bin jetzt nicht mehr so ganz unbedarf auf Instagram und sag' ich bin übrigens hier in der Straße unterwegs, triff mich doch!

00:23:15: Ich hatte auch eine Zeit lang echt Probleme Pakete anzunehmen.

00:23:20: Das hat mir ja irgendwie total ... das hat mir den Schlaf geraubt.

00:23:24: Gerade wenn der Postbote kam, weil ich natürlich immer durch den Spion guckte erst mal, dann hab' ich mich nicht mehr erinnert, habe ich irgendwas bestellt?

00:23:30: Ist es für irgendwen anders?

00:23:32: Keine Ahnung.

00:23:32: kann ich das jetzt annehmen?

00:23:33: Dann hab' die Pakete auch schon zurückgehen lassen!

00:23:36: Ich hab... Ich habe einen Baseball-Schläger neben meinem Bett stehen, der lässt mich irgendwie ... weiß ich nicht warum.

00:23:42: Der lässt sich irgendwie sehr ruhig schlafen weil ich wüsste wenn irgendwas ist dann hab' ich den wenigstens ob ich das mich trauen würde weiß ich nich.

00:23:49: aber... ich hab halt... ich versuch halt schon meinen Alltag und auch meine Arbeit jetzt nicht davon irgendwie beeinflussen zu lassen.

00:23:59: Und die Frage kommt immer wie kannst du denn jetzt noch auf die Straße gehen?

00:24:03: Die erkennt doch alle dein Gesicht.

00:24:04: Nein man unterschätzt das Das passiert nicht.

00:24:08: Genau, das finde ich nämlich spannend weil genau so hast du diese Entscheidung ja auch begründet zu sagen... Also ich sage es jetzt mal in meinen Worten Ich will der Szene nicht mehr Macht geben als sie hat

00:24:20: Sondern

00:24:21: die sind nicht überall so wie man sich das vielleicht vorstellt.

00:24:25: Genau.

00:24:25: also ich verstehe Total, wenn Menschen sagen ich kann mir nicht vorstellen so eine Recherche zuzutrauen.

00:24:31: Ich will das nicht machen.

00:24:32: Das ist mir zu gefährlich.

00:24:33: Ich würde mein Leben nicht einschränken.

00:24:34: andererseits denke auch ich lasse mein Leben jetzt auch nicht einschenken.

00:24:38: deswegen also Wenn die Bock haben zu kommen dann sollen sie kommen.

00:24:42: aber man muss natürlich immer dazusagen und es ist mir auch ganz wichtig Ich bin da in einer sehr privilegierten Situation weil mein Gefühl ist aus ein bisschen Die Öffentlichkeit schützt einen.

00:24:51: auch Wenn man jetzt mal überlegt, wie viel Sinn würde es machen für diese Gruppen?

00:24:56: Die ja auch teilweise von sich selbst behaupten bei uns ist ja gar nichts.

00:24:59: Wir sind total harmlos.

00:25:01: was redet ihr immer von Gewalt?

00:25:02: welchen Sinn würde Es machen Jetzt eine Journalistin die irgendwie einen gewissen Bekanntheitsgrad hat irgendwie zusammen zu kloppen?

00:25:10: das macht keinen Sinn.

00:25:12: aber das heißt Auch dass es Menschen gibt die diesen drohungen ausgesetzt sind.

00:25:19: Wenn ich mir jetzt vorstelle, wenn ich jetzt eine Lehrerin wäre irgendwo in Sachsen oder in Mecklenburg-Vorpommern oder in Baden-Württemberg weiß nicht die gegen Rechtsextremismus aufsteht hat halt all diesen Schutz nicht den Ich hab von einem großen Medienhaus.

00:25:31: und wir haben ja schon ganz oft überlegt wie können wir mich denn gut schützen?

00:25:35: Wir haben mich ins Ausland geschickt nach der Veröffentlichung.

00:25:39: es gab punktuell sogar Personenschutz weil wir einfach nicht wussten wie reagieren die.

00:25:45: Und man darf da auch nicht fahrlässig sein.

00:25:49: Man darf das nicht auf die leichte Schulter nehmen, nehme ich auch nicht.

00:25:52: aber ich lasse mich einfach davon im Moment nicht einschränken.

00:25:56: Das finde ich ein total interessanten Gedanken weil von außen drauf geschaut denkt mein erst mal Okay, krass.

00:26:02: Sie bringt sich in Gefahr mit dem Schritt in die Öffentlichkeit.

00:26:05: und jetzt erzählst du mir eigentlich das Gegenteil?

00:26:07: Es war vielleicht auch eine Art von Schutz ... hab ich so rum noch nie gesehen!

00:26:11: Das ist mein Gefühl.

00:26:13: also natürlich habe ich eben verschiedene Schutzmechanismen durch meinen Arbeitgeber aber ich glaube auch dass die Öffentlichkeit einen da zu einem gewissen Grad vielleicht schützen kann.

00:26:23: man weiß es nicht Man weiß es am Ende nicht.

00:26:27: Sehen es alle Leute um dich rum, die dich mögen und lieb haben?

00:26:30: Genauso oder

00:26:32: ist das

00:26:32: ein Orgeligding.

00:26:33: Oh Gott ja ich glaube das ist ein Orgeligding.

00:26:36: meine Freunde denken natürlich stellenweise schon oh mein Gott was macht sie denn jetzt wieder?

00:26:41: wo ist sie jetzt wieder unterwegs?

00:26:42: also kannst du doch nicht machen meine Mutter macht sich ganz ganz große Sorgen aber ich versuche sie da immer zu beschwichtigen, ist doch alles gut.

00:26:51: Mir geht's auch gut, alles

00:26:52: wunderbar.".

00:26:53: Aber ich meine meine Freunde und meine Familie kennen mich auch und ich war schon immer so.

00:26:58: es ist nicht so dass das jetzt aus dem Blauen rauskommt.

00:27:00: die Orgeliege unterwandert jetzt Neonazis.

00:27:02: also das waren einfach schon immer meine Themen.

00:27:06: das war schon mal eine Farbe sagt man ja auch in der Medienwelt und das kam jetzt nicht ganz überraschend.

00:27:14: Wenn man fragt, was muss das für ein Mensch sein, der solche Recherchen macht?

00:27:20: Klar.

00:27:20: Dann kommen irgendwie erst mal ... Es muss jemand Mutiges sein.

00:27:23: Offensichtlich bist du sehr mutig und es muss jemand sein, die erneugierig ist.

00:27:27: Das hab ich auch in einem Interview von dir gehört, dass du von dir selbst sagst, ich bin sehr neugieriger.

00:27:32: Aber was ich auch interessant fand war eine Eigenschaft, die glaub ich für JournalistInnen ultra wichtig ist.

00:27:41: Krautöne zu sehen und grad bei diesem ganzen Thema Rechtsextremismus ist man ja sehr schnell in so einem schwarz-weiß.

00:27:48: da sind die bösen das sind die guten.

00:27:50: Und deine ganze Recherche zeigt eigentlich ganz so einfach Ist es dann doch nicht, ne?

00:27:56: Ja ich bin kein schwarz-weiß Fan und deswegen habe ich das natürlich auch gemacht.

00:28:00: Und ich finde eben solche Recherchen können Journalismus auch greifbarer machen weil man eben zeigt was hinter diesen ganzen Schlagzeilen und Analysen stecken.

00:28:10: dass ist eben dass es Rechtsextremismus gibt und wie viele Straftaten passieren da jedes Jahr, sondern auch wie sich das konkret anfühlt.

00:28:19: Wie Menschen sprechen?

00:28:21: Wie Radikalisierungen vielleicht im Alltag aussieht – wir haben über die Banalität manchmal gesprochen.

00:28:26: Und ich finde, das verändert auch, wie man darüber berichtet.

00:28:30: Also dieses Buch liest sich glaube ich jetzt anders als von einem Rechtse extremismus-Experten.

00:28:36: Ich bin auch keine rechtse extremismus Experte, ich bin investigative Journalistin.

00:28:39: Das war mir auch wichtig!

00:28:41: Aber ich finde, es wird halt weniger abstrakt und weniger distanziert.

00:28:44: Und man versteht auch die Mechanismen besser, weil's näher wird.

00:28:48: Man versteht auf woher kommt dieses Wir-Gefühl?

00:28:51: Wie fühlt sich das an?

00:28:53: Ich glaube, dieses Verständnis ist total wichtig wenn man als Gesellschaft darauf reagieren will oder muss!

00:29:01: Also wir sind ja mittlerweile in der Situation dass wir drauf reagieren müssen und gleichzeitig bringt es natürlich auch anderes mit sich, also es zwingt einen auch sehr genau zu arbeiten.

00:29:12: Weil man weiß so bewegst dich eben in einem ganz sensiblen Feld.

00:29:16: du trägst auch Verantwortung rechtlich aber auch moralisch und das heißt auch man muss extrem sauber einordnen abwägen hinterfragen und ja ich finde dass hebt im Zweifel natürlich auch Qualität weil wir müssen uns an gewisse Standards halten.

00:29:35: Ich finde aber noch ein Punkt wichtig und ich glaube auch, dass solche Recherchen auch Vertrauen schaffen.

00:29:42: Vertrauen

00:29:42: in Journalismus?

00:29:44: Ja, paradoxerweise eben weil man gerade so nah dran ist und wenn Menschen sehen das jemand da wirklich reingeht und wirklich Menschen trifft hinschaut und vielleicht auch mal unbequeme Wege geht um Dinge sichtbar zu machen dann macht es schon Journalismus finde ich nachvollziehbarer.

00:30:03: und das war auch Feedback, was ich ganz viel bekommen habe.

00:30:06: Auch jetzt nach dem Buch oder nach dem Podcast dass mir Menschen geschrieben haben Ich hab's verstanden ja ist ich fand es irgendwie fand nicht sehr interessant.

00:30:16: Naja und letztendlich Dadurch dass du so genau und nah dran bist warst Du ja auch nicht gezwungen Jeder Person, die du triffst so ein Label auf die Stirn zu pappen.

00:30:29: Also das fand ich auch interessant denn wenn man irgendwie rechtsextrem... Das sind halt auch Schattierungen.

00:30:36: wie weit ist jemand schon realikalisiert?

00:30:38: Ist jemand nur neugierig was planen die?

00:30:40: da war ja alles dabei.

00:30:42: bei denen die du getroffen hast

00:30:43: Total, ja.

00:30:44: Ich will trotzdem sagen ich glaube so eine verdeckte Recherche ist trotzdem kein Allheilmittel.

00:30:49: also das macht Rechtsextremismus jetzt nicht weg weil es das alle gesehen oder gehört haben wie schön wäre das.

00:30:55: aber ja an der Kaffee ist auch nicht der bessere Journalismus zu anderen Formen.

00:30:59: aber ich glaube es ist eben wie du sagst ein Baustein und einer der helfen kann eben auch so blinde Flecken aufzuzeigen.

00:31:08: Ja, wenn man es eben verantwortungsvoll einsetzt dann kann er eben genau das tun was Journalismus halt im Kern eigentlich machen soll.

00:31:15: Eben zeigen was ist auf so eine ganz... Wie drücke ich das jetzt aus?

00:31:22: Auf so ne ganz eigene Art.

00:31:25: irgendwie also recht pur finde ich.

00:31:28: Und sehr konkret auch.

00:31:29: Konkret

00:31:31: ja.

00:31:32: Ja zeigen was is aber auch zeigen was noch keiner wusste.

00:31:36: in deinem Fall weil das sind ja wirklich Sachen die letztendlich ist.

00:31:40: darauf auf deiner Recherche baut jetzt das ganze Gerichtsverfahren in Hamburg auf.

00:31:45: Das stimmt, ja total.

00:31:48: Da bin ich auch mal gespannt.

00:31:49: Ich bin als Zeugin geladen.

00:31:51: Ah okay!

00:31:52: Mai dann jetzt auch?

00:31:54: Sogar noch im April.

00:31:56: Okay, wenn dieser Podcast erscheint, wirst du schon...

00:32:00: Saß ich schon vor Gericht.

00:32:01: ...sassst du von dem Zeugenstand.

00:32:05: Du hast jetzt gerade schon ein bisschen darüber geredet, dass es ein Puzzlestück ist wie Journalismus auch mit diesen Entwicklungen dem Rechtsruck und allem was dazugehört umgehen kann.

00:32:16: Hast du jetzt in deiner Beschäftigung mit dem Thema auch da irgendwie nochmal irgendwelche Learnings wo du guckst Berichterstattung die nicht so nah dran ist über Rechtsextremismus?

00:32:26: Wo du denkst ah das macht mich ein bisschen unglücklich.

00:32:32: Ja, während meiner Recherche sind mir ganz oft diese Reportagen beispielsweise von Spiegel TV über den Weg gelaufen.

00:32:38: Weil mir ganz viele davon erzählt haben.

00:32:41: also gerade junge Leute die sitzen dann vor YouTube und glotzen diese Reportage an und man kennt ja diese klassischen Spiegeltv-Reportagen gehen dann zu Demonstrationen und fragen die Leute Mensch was machen sie denn hier?

00:32:54: Und die sondern dann halt ab, was sie absondern.

00:32:57: Aber mir fehlt dann immer so ein bisschen der Kontext.

00:32:59: Da hatte ich manchmal schon das Gefühl ... Das ist wie eine Einstiegsdroge und ich glaube, dass es ganz wichtig ist, was man bei Berichterstattung über Rechtsextremismus beachten soll, dass man's eben richtig einordnet.

00:33:10: Also hätte ich einfach nur jetzt die Leute reden lassen in meiner Bericht erstattung ohne den Kontext zu zeigen.

00:33:17: Dann laufen wir, glaube ich oder wäre ich Gefahr gelaufen eben Teil von der Propagandamaschine auch zu werden.

00:33:24: Und das ist, glaube Ich die Schwierigkeit auch an der Geschichte.

00:33:28: Wenn ich über rechtsextreme Jugendgruppen Gruppen beispielsweise berichte dann will ich natürlich zum Beispiel wenn ich eine Fernsehdokumentation mache Natürlich auch zeigen wie sie sich auf Social Media was in deren Werbeclips und so weiter man läuft dann aber recht schnell gefahren Das einfach nur weiterzugeben und für die quasi Werbung zu machen.

00:33:47: Deswegen ist halt die Einordnung ganz wichtig.

00:33:50: Ist es dann so was, wo die auch denken das adelt mich?

00:33:53: Wenn ich's in eine große Zeitung schaffe oder

00:33:55: zuspiegelte Schau?

00:33:57: Ja total.

00:33:58: also man sieht ja... Ich habe nach meiner Berichterstattung gesehen beispielsweise nach diesem Mädchenwochenende auf dem Heimathof in Eschede Da waren wir ja einen ganzen Wochenende damit beschäftigt, TikTok-Videos zu drehen für deren Social Media Kanäle.

00:34:12: Und ich war dann da irgendwie damit beauftragt, das Handy zu halten und Clips zu drehnen.

00:34:17: so Ich dreh TikTok Videos für Rechtsextreme.

00:34:19: Das fühlte sich nicht gut an aber ich war in meiner Rolle.

00:34:22: Aber ich hab auch gesehen was danach natürlich mit diesen Clips passiert ist.

00:34:25: Die haben sich dann natürlich damit gerühmt und gesagt Guck mal sogar eine RTL Reporterin fühlt sich hier wohl ziemlich wohl.

00:34:31: Haben die denn versucht rauszumachen?

00:34:36: ist, dem man dem Ganzen dann geben will.

00:34:39: Aber ja ich glaube wenn wir über Rechtsextreme berichten, dann dürfen wir den Kontext nicht vergessen.

00:34:45: Ja also wie gefährlich die Szene ist.

00:34:48: das macht deine Recherche sehr deutlich auch sehr konkret und gleichzeitig habe ich es trotzdem als ja auch was Mut machen das empfunden was du da recherchiert hast schon auch gut aufzeigst bei deinen ganzen Recherchen.

00:35:07: Wie wenig vernetzt und wie chaotisch, und wie unorganisiert die Szene manchmal ist?

00:35:11: Und das war dann was wo ich... Also man hat dieses Abstrakt, die rechten uns sind kurz davor unsere Gesellschaft zu übernehmen und du ziehst an den Fäden und auf einmal ist es irgendwie alles ein bisschen wirrer und insofern ist eigentlich optimistischer Podcast.

00:35:26: Das war etwas was sich als sehr wohltun und konstruktiv empfunden

00:35:30: habe.

00:35:30: Ich meine, mit dem Gefühl bin ich ja auch von Recherche zu Recherch gegangen.

00:35:35: Also mein Gefühl war ja auch das klappt genau einmal und dann bin ich komplett verbrannt.

00:35:39: Dann wird es nie mehr funktionieren bei meinen Gesichter draußen.

00:35:43: aber die sind eben wie du sagst nicht so gut vernetzt und da kennt ihr eine den anderen nicht und dann wasse dir ein schönes Ponyteil rein und dann weiß schon wieder niemand wer diese Frau ist die sich jetzt hier bewirbt.

00:35:55: Das war auch so ein bisschen Ja, mein Gedanke den ich da mit mir rumgetragen habe der mich auch so ein bisschen schmunzeln lässt.

00:36:02: So ihr seid nicht so gut vernetzt wie ihr denkt.

00:36:09: Sehr optimistische Schlussgedanke.

00:36:12: Ich ende immer mit einer konstruktiven Frage und zwar nicht eine die jetzt für uns Journalisten ist sondern für die Menschen die uns zuhören und die uns nutzen.

00:36:22: Und in dem Fall würde ich mal ganz allgemein fragen, nachdem du da so nah dran warst.

00:36:27: Was glaubst du können wir alle irgendwie dazu beitragen oder was können wir als Gesellschaft auch tun dass diese Art von Radikalisierung nicht weiter fortschreitet?

00:36:36: Ich glaube wir müssen wieder lernen uns gegenseitig zuzuhören und vielleicht erstmal Meinungen anzunehmen oder zumindest mal zu hören die uns vielleicht im ersten Moment irgendwie aufschrecken und wo wir am liebsten aus dem Zimmer rennen würden und nie mehr mit dieser Person sprechen würden.

00:36:56: Wir kennen das ja alle, wenn wir an Weihnachten zusammensitzen und es gibt immer einen Onkel der dann irgendwann nach dem dritten Glas Wein anfängt über den großen Austausch zu reden.

00:37:05: Und natürlich will man eigentlich schreiend aus dem Zimmer laufen.

00:37:09: aber ich glaube ist dass wir haben nicht mehr die Zeit um unsere Ohren zuzumachen und aus dem Raum zu gehen ohne zuzuhören.

00:37:16: Ich glaube wir müssen eine Art von Diskussionskultur wiederfinden.

00:37:21: Natürlich schmecken mir ganz viele Meinungen auch nicht und natürlich habe ich auch im Freundeskreis manchmal Freundinnen und Freunde, die merkwürdige Sachen sagen aber ich versuche dann trotzdem nicht sie zu meiden oder da ganz unverständlich loszusehen sondern eben Fragen zu stellen wie kommst du nur darauf?

00:37:39: Wo hast denn das gelesen?

00:37:42: Ich glaube dass könnte uns helfen.

00:37:45: Ja, es gilt für Menschen insgesamt aber für Journalistinnen vielleicht dann auch nochmal besonders.

00:37:50: Wenn wir alle meiden die jemals was Komisches sagen,

00:37:53: dann

00:37:54: wofürt das hin?

00:37:56: Dann sind wir ganz einsam auch.

00:37:58: Also wir müssen ja glaube ich eher als Gesellschaft versuchen wieder näher zusammenzukommen und wenn wir aufhören miteinander zu reden weil man dann irgendwie auch einmal vielleicht etwas Blödes gesagt hat oder so und dann bist du direkt weg quasi gekanzelt in deinem Freundeskreis oder wo auch immer Das ist glaube ich nicht der richtige.

00:38:15: Es ist total spannend, dass du mit dem Learning aus einer Recherche gegangen bist.

00:38:19: Wo du ja Leute getroffen hast die wirklich völlig jenseits des sagbaren furchtbarste Dinge gesagt und auch geplant haben.

00:38:26: Ich meine das Ding ist ich hätte diese Recherchen auch nicht machen können wenn ich gesagt hätte ich habe keinen Bock mit solchen Leuten überhaupt zu reden dann hätte ich es einfach nicht gemacht.

00:38:36: aber eben weil ich offen rangegangen bin und versucht hab zu verstehen Da haben wir ja jetzt alle was draus gelernt vielleicht.

00:38:45: Ein paar Sachen, die wir nicht gewusst hätten.

00:38:47: aber am Ende schon Danke für deine Zeit Angelik.

00:38:52: Ich danke dir

00:38:55: Wenn ihr jetzt neugierig geworden seid und mehr wissen wollt darüber wie Angelik recherchiert hat Wie sie in die Szene auch überhaupt reingekommen ist wo sie überall war Dann kann ich euch Ihr Buch empfehlen das heißt Undercover unter Nazis als Frau im Herz der rechtsextremen Szene.

00:39:10: Und sie hat auch einen Podcast gemacht über ihre Recherche für Sternen und RTL, den findet ihr unter dem Titel Braune Kinderzimmer.

00:39:18: Falls euch dieser Podcast hier nice und nötig gefallen hat dann freue ich mich sehr wenn ihr ihm eine Bewertung dar lasst.

00:39:25: empfiehlt uns gerne weiter!

00:39:33: oder auch über unseren übermedien insta-Kanal.

00:39:36: Schickt mir gerne eure Meinungen, Ideen, Fragen und gerne auch Vorschläge für weitere Folgen!

00:39:41: Dieser Podcast ist kostenlos weil wir bei Übermedien von unserer großartigen Community finanziert werden.

00:39:47: abonniert sehr gerne unseren kostenlosen Newsletter der Überblick Und ihr findet mehr von uns auf übermedien.de und auch in den Shownotes, da habe ich euch zum Beispiel ein Interview reingepackt.

00:39:58: Da geht es darum warum die meisten Journalisten ihnen ihre Ergebnisse eigentlich nicht an die Polizei geben – in manchen besonderen Fällen aber doch!

00:40:06: Die nächste Folge Nice und Nötig gibt's in zwei Wochen.

00:40:09: Bis dahin könnt ihr natürlich gerne noch mal in Staffel eins

00:40:12: reinhören

00:40:13: z.B.,

00:40:13: in Folge Eins.

00:40:15: Da wird es direkt um dieses schwierige Thema wie Medien mit der AfD-Propaganda gut umgehen können.

00:40:21: Die Redaktion hatte Lisa Kreher, die Musik kommt von Alexander Graf.

00:40:25: Ich bin Annika Schneider, Redakteurin bei Übermedien.

00:40:28: Danke für eure Zuhörzeit und Tschüss!

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.